La más linda cosa

Im Juli 1978

San Julián – Argentinien

 

„Buen día, Dorcas“, hörte ich meine Großmutter sagen. Sie kam gerade in mein Zimmer. Mein Blick fiel auf den Wecker neben dem Bett. Es war erst sieben Uhr, aber die Hitze stand bereits in meinem Zimmer. Ich hatte vor nicht einmal drei Wochen meine Zaubererausbildung in Hogwarts abgeschlossen und nun machte ich noch bei meiner Abuela Urlaub, bevor ich wieder nach England musste und der Ernst des Lebens beginnen würde. Meine Grandma hieß Tosca. Tosca Mendoza DeSantiago. Sie lebte schon ihr ganzes Leben lang in Argentinien und würde dort auch nie weggehen. Ich denke, sie war noch kein einziges Mal im Ausland. Es war aber auch nicht wichtig, denn alle Verwandten kamen, um sie zu besuchen. Zu den wichtigen Anlässen kamen wir alle nach Argentinien und feierten mit unserer allseits geliebten Abuela. Sie hatte insgesamt acht Enkelkinder und versuchte immer alle gleich zu behandeln. Jeder einzelne von uns acht war irgendwo auf der ganzen Welt verstreut. Ich hatte zwei Cousins in Australien, einen Cousin in Neuseeland, einen Cousin in den USA, einen in London und zwei lebten in Chile. Ja ich war die einzige Enkeltochter meiner Abuela. Sonst gab es nur Jungs. Früher war das wirklich nicht lustig gewesen, aber mittlerweile hatte ich mich mit meinen 18 Jahren damit abgefunden und es störte mich nicht mehr. Was hatten wir gerauft und uns geprügelt! Das waren wirklich noch Zeiten gewesen.

 

Gähnend stand ich auf und ging in die Küche zu meiner Abuela. Ich ging zu ihr und gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Buen día, Abuelita“, lächelte ich und setzte mich auf einen Stuhl. „¿Has dormido bien?“ „Sí“, antwortete ich und grinste. Sie stellte mir gleich eine Schüssel mit geschnittenem Obst und Müsliflakes auf den Tisch. „Gracias, Abuela.“ „De nada, Dorcas“, meinte sie und setzte sich zu mir. Meine Großmutter fragte mich, was ich denn heute alles so machen werde und ich antwortete ihr, natürlich auf Spanisch, dass ich am Vormittag wieder an den Strand gehen werde und am Nachmittag mich mit einer alten Freundin aus San Julián, der Stadt in der meine Abuela lebte, treffen werde. Sie hieß Madalena Espino Martinéz. Wir kannten uns schon sehr lange. Die erste Zeit hatten wir nämlich hier in San Julián gelebt. Bei meiner Abuela, aber dann bekam mein Dad einen Job im Ministerium in England und deswegen zogen wir dann dort hin. Dad war eigentlich Amerikaner, nur Mom war Argentinierin.

 

 

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Nach dem Frühstück ging ich wieder in mein Zimmer und zog mich an. Meinen Bikini, eine kurze Jean und weißes Tank top. Das sollte genügen, denn immerhin hatten wir bereits um acht Uhr morgens sechsundzwanzig Grad. Ich liebte dieses Wetter einfach. Schnell schnappte ich mein Skateboard und fuhr die engen Straßen durch San Julián. Meine Abuela hatte ihr Haus auf einem Hügel und deswegen ging es auch ziemlich rasant Richtung Strand. Ich liebte es wie der Wind meine Haare nach hinten wehte. Die Strandpromenade der Stadt war wirklich traumhaft. Überall standen Palmen, der Sand war weiß und die Wellen waren genial. Ich liebte das Meer.

„¡Hola, Carlos!“, rief ich grinsend und winkte dem alten Eisverkäufer, der ein Freund unserer Familie war. „¡Hola, Dorcas!“, kam’s zurück. In Argentinien war es komplett anders als in England. So etwas konnte ich zu Hause nicht machen. Nachdem ich die ganze Promenade abgefahren war, zog ich meine Schuhe aus und lief zum Wasser. Wie ich es liebte, wenn die Gischt meine Knöchel umspielte. Schnell hatte ich meine Klamotten ausgezogen und schon sprang ich freudig ins Wasser. Das Salzwasser prickelte auf meiner Haut, als ich unter tauchte. Ich wagte es nicht meine Augen zu öffnen, da das Salz sonst brennen würde. Lange hielt ich es allerdings nicht aus im Meer. Erleichtert ausatmend legte ich mich in den Sand und starrte in die Luft. Wenn ich die Augen schloss konnte ich alles bis auf das Rauschen des Meeres ausblenden.

 

Es war bereits halb zwölf mittags, als ich beschloss wieder zu meiner Abuela zu gehen. Ich zog mich an und schnappte mein Skateboard. Langsam fuhr ich die Strandpromenade wieder hinauf, als mir ein sehr bekanntes Gesicht auffiel. Dieses Gesicht kannte ich nicht von Argentinien, sondern von England. Derjenige, dem das Gesicht gehörte, war James Potter. Er war mit mir zur Schule gegangen und war genauso wie ich in Gryffindor gewesen. Wir hatten allerdings nicht sonderlich viel miteinander zu tun. Ich hätte nicht solch tiefsinnige Gedanken haben sollen, während ich mit meinem Skateboard fuhr, denn ich krachte Vollgas in einen Churro Verkäufer. „Mierda! Lo siento mucho. ¿Estás bien?“, fragte ich den Mann, der nun auf mir lag und versuchte wieder auf die Beine zu kommen. „Sí, sí. Todo bien.“ Er stand auf und sammelte seine Churros wieder vom Boden. Mich ließ er natürlich liegen, bis mir jemand eine Hand hinhielt. „Schon lang nicht mehr gesehen, was Meadowes?“, grinste James und half mir auf. „Danke, James.“ „Kein Problem. Was machst’n du hier überhaupt, Dorcas?“, wollte er dann wissen. „Oh ich besuch meine Großmutter. Die wohnt hier.“ „Nicht schlecht. Wusste gar nicht, dass du Verwandte in Argentinien hast“, schmunzelte er. „Tja, das wusste kaum wer aus der Schule“, zuckte ich mit den Schultern. „Mierda“, fluchte ich und besah mir mein Knie. Es war komplett offen und zerschunden. „Und du? Bist du allein hier?“, fragte ich James. „Nö. Mit Remus und Sirius. Aber die sind gerade auf Frauensuche“, lachte der Dunkelhaarige. „Bei Sirius ist das logisch, aber Remus auch?“, meinte ich ernsthaft erstaunt. Remus war immer ein wahnsinnig braver Kerl gewesen. „Naja, er will eben sein Glück in Argentinien suchen“, grinste James. „Was machst du heut Abend?“, wollte er dann wissen. „Hm, ich weiß noch nicht und du?“ „Keine Ahnung.“ „Wenn du willst kann ich dir beziehungsweise euch ein bisschen was von San Julián zeigen“, schlug ich vor und James nahm dankend an. „Okay, dann treffen wir uns am besten wieder hier auf der Promenade. Sagen wir um sieben?“ „Claro“, grinste ich und verabschiedete mich von ihm.

 

Ich nahm mein Skateboard in die Hand, da ich bergauf sowieso schlecht fahren konnte. „Hola, Abuelita. Estoy aquí“, rief ich, als ich nach Hause kam. „¡Hola!“, kam es auch von meiner Abuela zurück. Sie fragte mich, wie es denn so in der Stadt gewesen war und ich erzählte ihr, was ich alles gemacht hatte. „Y al final. Me cayé al suelo“, sagte ich und zeigte auf mein Knie. „Ay. Probrecita“, meinte meine Großmutter und holte sofort Desinfektionsmittel und Pflaster. Was solche Sachen anging, war sie wirklich überfürsorglich. Mich störte es jedenfalls nicht. Gemeinsam mit meiner Abuela kochte ich etwas und am Nachmittag kam auch schon Madalena vorbei. Wir wollten zuerst noch im Haus meiner Großmutter bleiben und einfach nur über alles quatschen. Später würden wir dann noch an den Strand gehen ein Eis essen und die Kerle beobachten, das war unsere Lieblingsbeschäftigung. Das machten wir jedes Mal, wenn ich in Argentinien war.

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„Und? Wie sieht’s mit einem Freund bei dir aus?“, grinste Lena und lehnte sich an meine Zimmerwand. „Schlecht. Weißt du noch? Ich hab‘ dir ja mal von James Potter erzählt, nicht?“ Madalena nickte und ich fuhr fort: „Naja, im letzten Schuljahr, denke ich, hat es mich ein klein wenig erwischt.“ „Inwiefern… erwischt?“, wollte sie grinsend wissen. „Ich denke, ich hab‘ mich in James verknallt letztes Jahr.“ „Ist doch Klasse“, meinte sie lachend. „Ja, das wäre Klasse, wenn ich ihn nie wieder sehen müsste, wenn ich ihn einfach aus meinem Leben streichen könnte, nicht mehr an ihn denken müsste, mir einen netten Ehemann suche und irgendwann wenn ich ur alt bin würde ich dann das Fotoalbum aus vergangenen Zeiten durchblättern und zu meinem Mann sagen: Sieh mal, Schatz, das ist James, in den war ich mal verknallt vor ewig langer Zeit, aber jetzt habe ich ja dich und brauch ihn nicht.“ „Na und? Das kannst du doch noch immer machen. Immerhin ist die Schule schon vorbei.“ „Ha, schön wär’s, Lena. James ist hier in San Julián.“ „Oh“, war ihre Antwort dazu. Grinsend lehnte sie sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Vielleicht ist er ja dein Traummann, mit dem du später das Fotoalbum durchstöbern wirst.“ „Also wenn das passieren sollte, dann gib ich mein Skateboard her.“ „Krieg es ich dann?“, lachte Lena und stand von meinem Bett auf.

 

Madalena und ich gingen bald wieder hinunter in die Stadt und setzten uns zu unserem Lieblingseisladen. „Und, Lena? Was ist bei dir so los?“, wollte ich anschließend grinsend von ihr wissen. „Ach, weißt du. Ich hab einen Freund“, schmunzelte sie. „Ehrlich? Wie heißt er? Kenn ich ihn?“ „Ja, Pablo, Ja“, meinte Lena und beantwortete somit gleich all meine Fragen. „Pablo, Pablo. Pablo Sanchéz?“, fiel es mir dann ein. Grinsend nickte sie. „Wow, wie hast du den denn gebändigt?“, wollte ich erstaunt wissen. Pablo war von je her, nun ja, wie soll ich es sagen… ein Frauenheld gewesen, aber einer von ganz üblen Sorte. Jeden Tag zwei andere Mädels. Gott sei Dank, dass San Julián so groß war, denn ansonsten hätte Pablo ehrlich abstinent leben müssen. Da war Lena doch glatt mit Pablo Sanchéz zusammen! Ich konnte es kaum glauben. „Nun ja, wenn man die Unerreichbare spielt, klappt das schon mal ziemlich gut, außerdem hatte er sich zuerst in mich verliebt und ich tat so, als wollte ich ihn nicht“, meinte Madalena schadenfroh. „Mann, bist du durchtrieben“, lachte ich und nahm einen Löffel aus meinem Eisbecher.

 

Die Sonne stand glühend heiß am komplett blauen Himmel und verbrannte alles unter ihr. Ein ganz typischer Tag für San Julián beziehungsweise Argentinien. Jeder hatte kurze Hosen an und nicht mehr als ein T-Shirt, und das war oft schon zu viel. Die meisten Menschen verbarrikadierten sich zur Mittagszeit in ihren Häusern und machten ein Mittagsschläfchen oder sahen fern. Auf jeden Fall blieben sie im Haus, um nicht in die Sonne zu müssen. Aber da ich so selten hier war, wollte ich den ganzen Tag draußen sein. Ich hatte in der einen Woche, in der ich schon hier war, schon ziemlich viel Farbe bekommen. Wenn ich circa einen Monat hier blieb, dann verfestigte sich die Farbe und sie blieb etwa bis Dezember. Aber da ich ja jetzt mit der Schule fertig war, konnte ich ja jedes Wochenende zu meiner Abuela flohen und wieder frische Farbe auftanken, und natürlich Zeit mit meiner Großmutter verbringen. Wie konnte ich das bloß vergessen… Madalena war übrigens Muggel, sie wusste auch rein gar nichts von meinen, oder von denen meiner Abuela, Fähigkeiten und würde es auch niemals erfahren. Außer sie würde einen Zauberer heiraten, dann würde ich es ihr erzählen.

 

Madalena und ich quatschten noch den ganzen Nachmittag. Wir hatten uns wirklich viel zu erzählen und ich konnte so wieder lange Zeit mit einer meiner besten Freundinnen verbringen, von denen ich so und so nicht allzu viele hatte. Ja, eigentlich bloß Lena und Emily, die mit mir nach Hogwarts gegangen war. Oh Mann, ich sollte mir dringendst einen größeren Freundeskreis anschaffen, so fand man doch nie einen Freund! Etwa um halb sechs machten wir uns wieder auf den Weg zum Haus meiner Abuela. Immerhin musste ich mich vor dem Treffen mit James plus Freunde noch etwas schön machen. Aber hauptsächlich machte ich es wegen James. Lena meinte, ich könnte es doch getrost versuchen. Wenn es nicht klappen sollte, dann sollte ich einfach nach Argentinien ziehen und ihn vergessen, nie wieder nach England kommen, damit ich ihn nie wieder sehen muss. Da dieses Argument ziemlich überzeugend für mich war, beschloss ich auch genau dies zu tun. Mal sehen was passieren sollte.

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Ich ging rasch duschen, allerdings föhnte ich mir die Haare nicht, denn wenn ich in die Stadt gehe, sind sie spätestens am Strand komplett trocken. Ich zog mir ein dunkelblaues Ausschnitt Shirt an und eine kurze weiße Hose. Armbänder, Ohrringe und eine lange Elefanten Kette, die ich ganz unauffällig IN mein Shirt tat, kamen auch noch dazu. Zum Schluss zog ich einfach meine Sandalen an und schon konnte ich gehen. Ich steckte mir nur noch ein paar Pesos ein und verabschiedete mich von meiner Abuela. Sie fragte mich, wann ich denn wieder kommen würde und ich zuckte lediglich mit den Schultern und grinste sie an. „¡Mala!“, meinte sie lächelnd und rief mir noch ein „Chao“ hinterher. Immer wenn ich etwas „anstellte“, also eher leichte Sachen, dann sagte sie immer Mala zu mir, was so viel wie „du Böse“ bedeutet. Freudig ging ich durch die Straßen von San Julián. Wahrscheinlich würde Sirius wieder ein Mädchen abgeschleppt haben und sie nun bei sich haben. Das wäre typisch für ihn. Remus, für Remus wünschte ich mir, dass er sogar ein Mädchen dabei hätte, denn ich konnte mich nicht erinnern, dass er jemals eine Freundin hatte. Und wenn James eine dabei haben sollte, würde ich mich augenblicklich wieder umdrehen und nach Hause gehen. Denn wozu hätte ich mich denn dann aufgebrezelt? Es war bereits kurz nach sieben Uhr. Also genau pünktlich. In Argentinien kam jeder zu spät, egal wohin. Man musste mindestens zehn Minuten Verspätung mit ein berechnen, damit man die wirkliche Zeit hatte. Nun ja, anscheinend floss in meinen Adern doch zu viel argentinisches Blut, dachte ich grinsend und erblickte auch schon den dunkelhaarigen Ex-Gryffindor mit seinen Freunden. Und tatsächlich. Sirius hatte eine neue Freundin aufgerissen, wen hätte es gewundert…

 

„Hola“, grinste ich in die Runde. „Hallo, Dorcas!“, grinste Remus, Sirius nickte bloß kurz (vielleicht war er ja sauer, wer weiß, wer weiß…) und James meinte grinsend: „Hey.“ Sirius Aufriss kam mir wirklich bekannt vor. Mann, wo hatte ich die schon mal gesehen?, ging es mir durch den Kopf. „Also, Dorcas, dann zeig uns mal was von der Stadt“, schlug James dann mit vollem Tatendrang vor. „Klar. Was wollt ihr denn sehen?“ Plötzlich hörte ich etwas wirklich Schockierendes. Das Mädchen neben Sirius meinte nämlich: „Perra.“ Wahrscheinlich dachte sie, ich könnte kein Spanisch beziehungsweise hörte ich sie nicht. Tja, nicht mit mir. „¿Cómo?“, fragte ich deswegen entsetzt. „Dije perra a ti“, meinte sie hämisch. „Y ¿Puedes decirme por qué? Porque yo, no pareco perra, en contrario de ti“, war mein Gegenschlag. Sagte diese Kuh doch ernsthaft Schlampe (!) zu mir. Das musste ich mir wirklich nicht gefallen lassen und schlug sie gleich mit Intelligenz. Tja, das war eben Pech wenn man sich geistig duellieren will, selbst aber keine Waffen hat. Dieser dämlichen Ziege stand der Mund offen. „¡Cierra tu boca!“, meinte ich deswegen augenverdrehend und tatsächlich machte sie den Mund zu. „Was hat sie gesagt?“, wollte James nach einiger Zeit des Schweigens dann wissen. „Nichts Wichtiges.“ Wir gingen die Strandpromenade hinauf, da James irgendwas Aufregendes sehen wollte. Sollte er doch haben. Ich führte sie zu den Felsen am hintersten Ende des Strandes. Dieser Teil war immer verlassen, da es des Öfteren Quallen im Meer gab. Früher war ich oft mit meinem Abuelo, der bereits verstorben war, hier gewesen. Ich spielte immer im Wasser und als ich das erste Mal eine Qualle sah, rannte ich schreiend aus dem Wasser. „¡Medusa, medusa!“, rief ich immer, das heißt nämlich Qualle.

 

Es gab im Meer kleine Felsbrocken, auf die man steigen konnte, ohne ins Wasser zu müssen. Miss Tussig blieb lieber am Strand, mir war das nur Recht, denn mittlerweile hatte ich auch herausgefunden wer sie war. Das Mädchen hieß Fernanda Rodriguéz und war mit Madalena und mir in den Kindergarten gegangen. Früher hatte sie uns immer geärgert, sie war eine richtige Bestie, immer schlug sie uns oder verpetzte uns bei der Niñera. Blöde Zicke. Und jetzt musste sie ausgerechnet dabei sein, wenn ich James, Remus und Sirius die Stadt zeigen wollte. Wir waren in eine kleine Höhle gelangt, von der man einen wunderbaren Blick auf den Ozean hatte. „Also. Remus und ich verdrücken uns jetzt. Wir haben da ‘ne Bar entdeckt, die wir unbedingt testen wollen“, sagte Sirius plötzlich und schon waren die zwei verschwunden. Hoffentlich nahmen sie Fernanda mit, dachte ich bloß. „Na, dann wären wir jetzt allein“, grinste James. „Mhm. Was willst du machen?“, fragte ich deswegen. „Hm, ich will mir den Sonnenuntergang ansehen“, war seine Antwort darauf und setzte sich an den Rand der Höhle. Ich setzte mich neben ihn und starrte in die bereits untergehende Sonne. Sie erleuchtete alles rot. Es sah wirklich wunderschön aus. Früher hatte ich ihn mir ständig angesehen, hier in San Julián. „Wie heißt eigentlich dein Freund?“, wollte James nach einiger Zeit des Schweigens wissen. Ich grinste. „Ich hab keinen.“ „Ernsthaft? Sind die denn alle blind?“, murmelte er. Ich musste etwas zur Seite sehen, damit er nicht meine knallroten Wangen sah. Wow, ein Kompliment dieser Art aus dem Mund von James Potter, Respekt. „Und wie sieht’s mit Lily aus? Hast du sie endlich überzeugen können mit dir auszugehen?“, lächelte ich. „Ja, wir waren sogar zwei Wochen zusammen. Aber gleich in der zweiten Woche hat sie mich betrogen“, sagte er und klang dabei wirklich verletzt. „Mach dir nichts draus. Sie war eben nicht… die Richtige“, meinte ich und zuckte mit den Schultern. „Allerdings“, murmelte er und sah in die Ferne. „Wieso haben wir eigentlich nicht schon früher was miteinander unternommen?“, fragte er mich nach einer Weile. „Keine Ahnung. Du hast dein Leben gelebt und ich meins. Wir haben einfach aneinander vorbei gelebt.“ „Ja. Scheint so.“            

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Die Sonne berührte bereits den Horizont, nun dauerte es nicht mehr lange, bis die Sonne in den endlosen Weiten des Meeres versinken würde. „Dorcas?“ „Hm…“, meinte ich mit geschlossenen Augen. „Darf ich was probieren?“ „Klar“, lächelte ich. Ich wollte noch immer nicht die Augen aufmachen und so merkte ich auch nicht, wie James Gesicht immer näher kam, bis es nur noch einige Millimeter von meinem entfernt war. Als ich dies bemerkte, machte ich die Augen auf und mein Herz begann zu hüpfen. Bitte küss mich, dachte ich und keine Sekunde später legten sich auch schon seine Lippen auf die meinen. Ein ganzes Feuerwerk begann in meinem Bauch zu explodieren. James hatte wirklich die weichsten Lippen, die mir bisher untergekommen waren. Sanft hielt er meinen Kopf in seinen großen Händen und fuhr mit seiner Zunge vorsichtig an meiner Unterlippe entlang. Ich hoffte, dass dieser Moment nie vorbeigehen würde. Aber was war, wenn er es nicht ernst meinte und einfach nur ein Urlaubsabenteuer wollte, schoss es mir durch den Kopf. Ich ruckte ein Stück zurück und sah James erschrocken an. Was wenn er wirklich bloß mit mir spielte? Schnell sprang ich auf und flüchtete aus der Höhle. So schnell ich konnte verließ ich die Promenade, James hinter mir total ignorierend. Er versuchte mir nach zu laufen, erwischte mich allerdings nicht. Ich lief wie von der Tarantel gestochen den Hügel zum Haus meiner Abuela hinauf und stürmte ins Haus. „Hola, Abuelita“, sagte ich und flitzte weiter in mein Zimmer. Ich legte mich auf das Bett und starrte die Zimmerdecke an. „Oh Mann“, seufzte ich. In was hatte ich mich da denn wieder hineingeritten… Klar, der Kuss hatte mir wirklich gefallen, aber was, wenn er es wirklich nicht ernst meinte? Was sollte ich denn dann tun? Mir die Augen ausheulen und nie wieder aus dem Haus gehen? Nein, das wollte ich definitiv nicht. Alles nur das nicht. Mist, Mist, Mist, Mist, Mist! Wieso war mein Leben bloß so dermaßen kompliziert? Konnte nicht alles einfach wie am Schnürchen laufen? Okay, es könnte wie am Schnürchen laufen, wenn ich mich nicht immer so anstellen würde. Ach was, ich stellte mich doch gar nicht an. Das waren alles bloß berechtigte Zweifel. Denn immerhin war James noch vor zwei Jahren nicht der aller Treueste gewesen, wieso sollte er jetzt anders sein? Okay, Lily hat ihn betrogen, vielleicht kann er jetzt verstehen, wie man sich fühlen muss, wenn man betrogen wird. Oh Mann… Wieso musste ich mir immer solche Gedanken machen? Aber ich konnte ihm doch nie wieder unter die Augen treten. Ich war doch wirklich extrem dämlich! Wieso bin ich weggerannt? Ich bin so verdammt dämlich, dachte ich und schlug meinen Polster.

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Am nächsten Tag musste ich mit meiner Abuela einkaufen gehen. Die Geschäfte in San Julián waren hauptsächlich in der Nähe des Strandes. Wir mussten Fisch kaufen, denn mein Onkel und meine Tante würden morgen zum Mittagessen kommen. Ich freute mich schon, ich hatte die beiden schon lange nicht mehr gesehen. Meine Tante war die jüngste Tochter meiner Abuela und erst siebenundzwanzig Jahre alt. Ich verstand mich wirklich gut mit ihr. Und deswegen freute ich mich schon auf sie und ihren Mann. Abuela und ich würden dafür morgen eine riesengroße Paella machen. Mein Lieblingsgericht. Wir gingen zum Fischhändler und kauften Fisch. Anschließend gingen meine Abuela und ich in ein Café. Wir bestellten uns einen schwarzen Kaffee ohne alles. Ich konnte nicht verstehen, wie man einen Milchkaffee hinunterbringen konnte. Ich konnte mir nichts Ekelhafteres vorstellen. Anscheinend hatte ich nicht nur ein extrem kompliziertes Leben, sondern auch noch wahnsinnig viel Pech, denn kaum hatte ich meinen Kaffee bekommen, sah ich auch schon den Kerl, dem ich eigentlich aus dem Weg gehen wollte. James kam zu mir und meiner Abuela und meinte: „Es tut mir Leid, also wegen gestern. Ich mein, du wirst mich jetzt für den größten Vollidioten halten. Also wenn du jetzt nichts mehr mit mir zu tun haben willst, versteh ich das echt. Okay, ja ich wollt mich eigentlich nur entschuldigen. Man sieht sich, Dorcas.“ Na toll. Jetzt fühlte ich mich noch beschissener als vorher. James drehte sich um und ging mit hängendem Kopf weg. Ich sah meine Abuela an, die mit dem Kopf dem Ex-Gryffindor nachdeutete. Schnell sprang ich auf und rannte ihm nach. „James?“ Er drehte sich um, als ich auch schon meine Arme um seinen Hals schlang und meine Lippen auf seine legte. Zuerst war er noch überrascht, jedoch legte sich dies bald wieder und er zog mich näher an sich. Wieder explodierte alles in meinem Bauch und ich fühlte mich wie auf Wolke sieben. In seinem Kuss lag Sehnsucht und Verzweiflung.

 

„Ich will nicht nichts mehr mit dir zu tun haben, James, auf gar keinen Fall!“ „Okay, warte ich hab mich schlau gemacht und ich hoff‘, dass ich es jetzt richtig ausspreche“, lächelte er nervös, als er etwa eine Million Jahre seine Antwort überlegt hat. „Okay“, meinte ich und wischte mir die Tränen, die mir bereits in die Augen gestiegen waren, weg. James fischte einen kleinen Zettel aus seiner Shorts und seine Hände zitterten, als er zu lesen begann. „¿Quieres… ser… mi novia?“ „Claro que sí“, sagte ich, James allerdings sah mich nur verwirrt an. Klar er hat ja nur den einen Satz gelernt. „Ich sagte, natürlich will ich deine Freundin sein.“ Glücklich schlang er seine Arme um mich und drückte mich fest an ihn. Mann, das fühlte sich so dermaßen gut an. Ich wollte nie wieder etwas Anderes haben.

 

Nachdem, nun ja, ich einen Freund ergattert hatte, stellte ich James natürlich auch meiner Abuela vor. Sie konnte nur gebrochen Englisch, aber es genügte, um sich mit James zu unterhalten. „Hola. Du bist James. Dorcas hat mir äh schon viel von dir erzählt“, lächelte meine Abuelita und sprach mit einem ziemlich starken spanischen Akzent. „Ja, der bin ich. Und Sie sind die Großmutter von Dorcas?“ „Sí, sí“, lachte meine Grandma. „Willst du morgen äh zum äh Mittagessen kommen?“, meinte Abuelita dann. „Gerne, Señora ähm“ „Mendoza“, sagte ich leise und mit vorgehaltener Hand. „Señora Mendoza“, schmunzelte James. „Ay, James, du kannste mich Tosca nennen“, grinste meine Abuela und umarmte meinen FREUND! Ich liebte dieses Wort. Mein Freund. Hach, daran konnte ich mich wirklich gewöhnen.

 

 

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Drei Wochen Später

Godric's Hollow - England

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Es war bereits August und wir waren wieder in England. Leider, aber hier war es auch schön, zwar vermisste ich die argentinische Sonne und Hitze, aber die Hauptsache war, dass ich James hatte. Meine Eltern waren auf einer Weltreise, denn sie waren nun beide in Pension und wollten den Anfang gleich mal damit genießen. Im Moment waren sie gerade in Indonesien. James war bei mir eingezogen. Meine Eltern hatten mir das Haus „anvertraut“, besser gesagt, sie meinten, ich brauche mir keine Wohnung suchen, wenn das Haus sowieso leer stehen würde, also konnte ich bleiben. Später würden die beiden sich ein kleineres Haus in der Nähe von London leisten. Ich war nun wirklich komplett offiziell mit James Potter zusammen. Er hatte mich auch schon seinen Eltern vorgestellt, die übrigens wirklich sehr nett waren. Mein Dad und sein Dad kannten sich sowieso vom Ministerium aus. Apropos Ministerium. Im September würde für James die Aurorenausbildung losgehen und ich würde in der Apotheke in der Winkelgasse anfangen. Ich war schon wirklich aufgeregt. In meiner Schulzeit hatte ich eine besondere Begabung für Zaubertränke und Kräuterkunde gehabt. Allerdings wollte ich keine Heilerin werden, da Lily Evans das werden wollte und mit ihr stand ich immer auf Kriegsfuß, aber auf der Konkurrenz Basis.

Im April 1980 - Fünf Tage nach James' 20. Geburtstag

Te amo.

„Hi, Schatz! Bin wieder da!“, hörte ich James aus dem Flur. Ich war gerade damit beschäftigt das Essen für ihn vorzubereiten. Er hatte noch ein Jahr als Kadett, dann würde er vollwertiger Auror sein. „Hey“, grinste ich ihn an. Ich freute mich schon so. Morgen würde ich endlich 20 Jahre alt werden. Merlin sei Dank hatte ich nicht am 1. April Geburtstag. Ich wette Sirius hätte mir einen üblen Streich gespielt. Der hatte übrigens auch eine Freundin gefunden. Irgendwie tat sie mir Leid. Alexandra und er haben sich in der Winkelgasse kennengelernt, genauergesagt im Supermarkt in der Whiskyabteilung. Typisch für Sirius. „Okay, Baby, ich hab ein ganzes Jahr auf diesen Moment gewartet. Ich wollte es am heutigen Tag machen, damit es auch zu meinem Ruf passt“, plapperte James. „Okay? Was hast du vor, James?“, wollte ich bloß sicherheitshalber wissen. „Ach nichts. Komm mal mit raus“, meinte er bloß und zog mich nach draußen. „Okay, Honey. Wir sind ja jetzt seit zwei Jahren zusammen und ich liebe dich, wie noch nie jemand anderen. Ich will nur noch mit dir zusammen sein und deswegen“, sagte er und kramte in seiner Hosentasche herum „Deswegen will ich dich fragen (er öffnete ein kleines Schächtlein ), ob du meine Frau werden willst.“ Ich schlug überrascht die Hand vor meinen Mund. Ein Heiratsantrag. Ich liebte diesen Mann einfach. „Ja, natürlich! Claro que sí“, heulte ich und fiel meinem Zukünftigen um den Hals. „Te amo, James“, schluchzte ich an seinem Hals und küsste ihn anschließend. James steckte mir einen wunderschönen, wenn auch schlichten, Ring an den Finger. Wow, bald war ich Mrs. Potter. Das hörte sich einfach fantastisch an. Ich wollte unbedingt mit ihm alt werden. Ja, Madalena hatte damals Recht behalten. Es würde wirklich James sein, mit dem ich einmal das Fotoalbum durchblättern würde, umringt von unseren Enkelkindern. Ich konnte getrost behaupten, dass ich im Moment die glücklichste Frau auf Erden war.