Das Mondlicht schien auf den nicht sehr großen Körper, der sich langsam durch den Wald schlängelte.

Immer wieder sah es auf und horchte.

 

Das Tier begann nun schneller zu werden.

Immer schneller.

Es raste mit einer enormen Geschwindigkeit, die sogar dem Wind Konkurrenz machte.

Jeder normale Mensch würde denken, dass es sich bei dem Tier um einen einfachen Wolf handelte, der auf Jagd war.

Doch dem war nicht so.

Nur sehr wenige Menschen wussten, was sich hinter dem Wildtier verbarg, dessen Fell so wunderschön glänzte, wenn der Mond es beschien.

 

 

Völlig verschlafen drehte Tori die Dusche auf.

Sie zog ihre Klamotten aus und stieg unter den Wasserstrahl, der nun warm war.

In den vergangenen Monaten war nicht viel passiert.

Da Tori und Joana relativ begabt waren, machte ihnen der Schulstoff auch nicht übermäßig viel aus.

 

Beide mochten die meisten Lehrer. Nun ja, Jo mochte alle Lehrer, ohne Ausnahme. Bei Tori sah dies schon etwas anders aus.

Zum Beispiel hatte sie eine Abneigung gegen den Zaubertränke Professor Slughorn entwickelt.

 

Nicht einmal Malfoy, das eklige Schleimgesicht, wie ihn Tori zu nennen pflegte, machte auch nur in irgendeiner Hinsicht Anstalten auf eine Racheaktion.

 

Die beiden besten Freundinnen hatten sich nun schon sehr gut eingelebt, allerdings fehlten ihr ihre Eltern und ihre Schwester, die sie in Salem zwar auch nicht oft gesehen hatte, aber dort konnte sie wenigstens mit dem Fungphon mit ihr reden.

Und dies ging hier nun einmal nicht.

Erstens funktionierte es nicht einmal auf Hogwarts und zweitens war es sowieso verboten, was Tori zwar als Hindernis aber nicht als Grund sah.

Jedoch da es sowieso nicht funktionierte, war es vergeblich.

Beinahe jeden Abend versuchte das Mädchen mit ihrer Familie Kontakt aufzunehmen.

Sie vermisste das kleine Örtchen, wo meistens die Sonne schien obwohl es in England lag.

 

So konnte sie nur Briefe schreiben und dies war Tori ein Dorn im Auge.

Sie hatte es schon immer gehasst irgendwelche Nachrichten schriftlich zu senden, wenn es doch die wundervolle Erfindung der Fungphones gab.

Es regte sie dermaßen auf, dass das „blöde Teil“, wie sie es in letzter Zeit nannte, einfach keinen Empfang bekam.

Joana musste sehr oft und sehr lange beruhigungsarbeiten leisten, denn Tori wurde in den letzten Monaten immer leichter reizbar.

Es reichte schon, wenn ein kleiner Erstklässler sie anrempelte und sie ging beinahe in die Luft.

Immer wieder verschwand sie für ein paar Minuten und niemand außer Jo wusste, wohin die junge Gryffindor hinging.

Ruby machte sich allmählich ernsthafte Sorgen um die zwei.

 

Natürlich verstand sie es, dass es Geheimnisse gab, die man nicht einfach ausplaudert, allerdings stimmte sie die Tatsache, dass sie deren Freundin war, und sie ihr aber trotzdem nichts sagte, sehr traurig.

Sie hatte auch mitbekommen, dass die Jungs ein Geheimnis hatten.

Allerdings war es für sie ein Leichtes dieses zu lüften.

Sie war schon seit langer Zeit in Remus verliebt, hatte sich aber nie etwas sagen getraut.

Ruby bekam natürlich mit, dass er einmal im Monat krank aussah und in die Krankenstation ging.

 

Von ihrer kleinen Schwäche wussten nur drei Personen. Nun ja, zwei Personen und ein Gemälde.

Sie konnte an Vollmond nie schlafen.

Ruby hatte diese Schlafstörung schon seit sie ein kleines Mädchen war.

Zu Hause setzte sie sich immer auf den Balkon, mit einer Tasse heißer Schokolade, und stierte den Mond an.

Sie liebte es, wie er auf ihr Gesicht schien.

Ebenso liebte sie es wenn sie endlich das Heulen eines Wolfes vernahm, der ihr das Gefühl von Sicherheit spendete.

 

Nicht viele Menschen dachten so wie Ruby.

Dies war ihr schon lange bewusst.

Die meisten assoziierten das Heulen eines Wolfes mit Gefahr und Tod.

Sie wusste, dass Wölfe gefährlich waren, besonders Werwölfe, allerdings wusste sie gleichermaßen, dass sie etwas mit diesen Wesen verband.

Ruby wollte insgeheim auch gar nicht wissen, was es war, sie genoss es einfach in vollmondnächten auf dem kleinen Balkon, den sie in der ersten Klasse gefunden hatte zu sitzen und mit dem Portrait, welches an der kargen Steinmauer befestigt war zu plaudern.

 

Es war eine schöne junge Frau. Ihr Name war Nofretete.

Sie hatte wunderschöne dunkle Augen, man konnte schon fast meinen sie wären schwarz.

Ebenso hatte sie ein perfekte Nase und wundervoll geschwungene volle Lippen.

 

Nofretete war eine alt-ägyptische Pharaonin gewesen, vor mehr als 3ooo Jahren um genau zu sein.

Jede Vollmondnacht kam Ruby zu ihrem Balkon und redete mit Tete wie sie sie nannte.

Ihr konnte sie jedes Geheimnis anvertrauen.

Bevor Tori und Joana gekommen waren, hatte sie keine Freunde.

Zwar stellte sie beinahe genauso viel an wie die Jungs, allerdings nur dann, wenn sie wirklich sauer war.

Jeder mied das unscheinbare blonde Mädchen mit den warmen braunen Augen.

Eine Schande, so etwas Verletzliches und Gutmütiges einfach so zu ignorieren.

Ruby kam damit nicht immer klar.

Oft weinte sie stundenlang und Tete tröstete sie mit ihren weisen Worten.

Jedoch wollte sie der Gryffindor nie verraten, wieso ihr Portrait in einem Schloss wie Hogwarts, welches rein gar nichts mit der Alt-ägyptischen Kultur zu tun hatte, hing.

Ruby fragte auch nur ein einziges Mal.

Danach nahm sie es hin.

Sie hatte in den Jahren gelernt gewisse Dinge auf sich zu nehmen, ohne lange unnötige Fragen zu stellen, deren Antwort ihr sowieso verwehrt geblieben wäre.

 

Allerdings lauschten Ruby und Tete auch oft nur den Geräuschen der Nacht, aber insbesondere das Heulen des von Ruby so geliebten Werwolfes.

Ja, auch wenn sie wusste, dass viele Menschen ihre Liebe als einfache Verschossenheit sehen würden, da sie meinten, ein junges Mädchen wie Ruby konnte noch nicht lieben, wusste Ruby, dass es so war, wie sie es fühlte. Tiefe und bedingungslose Liebe.

Es stimmte sie traurig, dass Leute so denken konnten.

Jeder konnte lieben, wenn er es zuließ.

Ihre Liebe zu Remus wurde von Vollmondnacht zu Vollmondnacht immer stärker.

Es war für sie, wie wenn ein unsichtbares Band zwischen den beiden existieren würde.

Wie Seelenverwandte.

 

Sie konnte seinen Schmerz, wenn er krank war, oft selbst körperlich spüren und fragte sich, ob er es auch fühlte, wenn es ihr schlecht ging.

 

Und tatsächlich, Remus bemerkte oft, ein Stechen in seiner Brust, welches er nie zuordnen konnte.

Es kam zu den unmöglichsten Zeiten.

Er hatte schon so viele Nachforschungen in der Bibliothek betrieben und dabei nie bemerkt, dass ihn immer ein schüchternes blondes Gryffindor Mädchen beobachtet hatte, das der Auslöser dieser Schmerzen war.

 

Als er dann Tori und Joana kennenlernte, verbrachte er auch mit Ruby mehr Zeit, die ihm vorher nie besonders aufgefallen war, nun war sie mit ihm Vertrauensschülerin.

Natürlich wusste er ihren Namen und er redete auch manchmal, wirklich sehr selten, aber doch, mit dem Mädchen, das ihn so sehr liebte.

 

Nun nachdem fast Weihnachten bevorstand, hatte sich auch Remus in die blonde Gryffindor verliebt.

Er zweifelte daran, dass Ruby sein Geheimnis, welches für das Mädchen schon seit der ersten Klasse keines mehr war, einfach so hinnehmen würde.

Remus hatte Angst davor, dass sie ihn hassen könnte, weglaufen würde.

Er hatte es noch niemandem gesagt, was er tief in seinem gebrochenen Herzen fühlte.

 

Sein Leben war sehr schwer gewesen.

Mit sieben wurde er von Fenrir Greyback attackiert. Seitdem verwandelte er sich jeden Vollmond in eine blutrünstige Bestie, wie er den Wolf in sich selbst nannte.

Kurz vor seinem elften Geburtstag bekam er einen Streit zwischen seinem Vater und seiner Mutter mit.

Er wusste, dass sie ihn nicht mehr liebte.

Bevor die Sache mit Greyback war, las sie ihm jeden Abend eine Geschichte vor, umarmte ihn so oft es nur ging und überschüttete ihn mit Küssen.

Danach wurde alles anders.

Sie nahm ihn nicht mehr in den Arm, gab ihm keinen Kuss mehr und die geliebte Gute Nacht Geschichte blieb aus.

 

Sie sagte seinem Vater, dass wenn er den damals kleinen Remus nicht weggab, sei sie weg.

Da John Lupin aber ein herzensguter Mensch war, brachte er es nicht über seine Seele, den Jungen, sein Fleisch und Blut, in die Arme von anderen Leuten zu geben beziehungsweise ihm dem Ministerium zu überlassen.

Maria Lupin nahm ihre Koffer und zog aus dem kleinen Haus in Schottland aus.

John sah seinen Sohn an: „Jetzt sind es nur noch wir zwei, Kleiner.“

Remus blickte in die Augen seines Vaters.

Sie waren stumpf.

Kein Glanz.

Als wären es die Augen eines Toten.

Es waren die Augen eines gebrochenen Mannes.

 

Kurze Zeit darauf kam ein Mann die beiden besuchen.

Er stellte sich Remus als Professor Dumbledore vor.

 

Der Professor machte John und Remus ein Angebot, von welchen ersterer nie im Leben gewagt hätte zu träumen.

Dumbledore wollte den Jungen nach Hogwarts bringen, wo er eine ordentliche Schulausbildung erhalten konnte.

John war von den Worten des Direktors, der früher sein Verwandlungsprofessor gewesen war, dermaßen gerührt, dass er die Tränen nicht mehr aufhalten konnte.

Er sagte zu.

Nur wenige Wochen darauf kam Remus nach Hogwarts.

Weg von seiner gewohnten Umgebung und weg von seinem geliebten Vater.

Der einzige Mensch, der ihn trösten hat können.

 

Zwar fand er schnell zwei wundervolle Freunde, wollte ihnen aber nichts von seinem zweiten pelzigen Selbst erzählen, da er Angst hatte, sie würden ihn verachten und nichts mehr mit ihm zu tun haben wollen.

Die ersten zwei Jahre auf Hogwarts waren für ihn die schlimmsten, die er sich vorstellen konnte.

Jeden Monat musste er in die Heulende Hütte und musste sich verwandeln.

Der einzige Lichtblick war, dass der Wolf in ihm jede Vollmondnacht einen wunderbaren blumigen Geruch wahrnahm und somit etwas beruhigt wurde.

Immer wenn ein Luftzug vom Schloss kam, roch er den wundervollen Duft.

 

Zwar wusste Sirius Black und James Potter, seine besten Freunde bald was mit ihm los war, jedoch konnten sie auch nichts dagegen machen.

Bis sie in am Anfang der dritten Klasse einfach so in die Heulende Hütte kamen und sich in Hund und Hirsch verwandelten.

 

Er war, ist ihnen so dankbar.

Sie nahmen extreme Gefahren auf sich, nur um ihm ein besseres Werwolf Dasein zu schaffen.

Immer öfter nahm er, da er mit seinen Jungs nun aus der Hütte konnte, den blumigen und geliebten Duft war.

Remus konnte ihn am nächsten Tag nie zuordnen.

Er wusste, dass es diesen Duft gab, konnte sich aber nie daran erinnern.

 

Bis er eines Tages stürmisch von Ruby umarmt worden war.

Es war ein schöner Samstagvormittag.

Ein Quidditch Spiel stand an.

Gryffindor gegen Ravenclaw.

 

Sirius und James waren im Team.

Letzterer war sogar Kapitän.

 

Als James dann endlich den Schnatz fing und Gryffindor Haushoch gewann, fiel Ruby Remus schreiend um den Hals.

Zuerst war er etwas erschrocken, fing sich allerdings schnell wieder.

Nun wusste er endlich wie der Geruch duftete, nicht nur der Werwolf.

 

Und als ihm dies bewusst wurde, spürte er, dass nicht nur seine menschliche Seele in einen Art Glücksrausch verfiel, sondern auch seine pelzige Seele.

Dieses Gefühl, seine Traumfrau in den Armen zu halten, ließ ihn das erste Mal mit sich selbst ganz und gar zufrieden sein.

Er verabscheute in dem Moment nicht die Bestie in seinem Inneren.

Und dafür war er Ruby unendlich dankbar.

 

Allerdings hatte er es noch immer nicht gewagt, ihr sein Geheimnis zu verraten, da er ja nicht wusste, dass sie es eigentlich schon vor vielen Jahren herausgefunden hatte.

Er wollte die Zeit mit dem Mädchen seiner schlaflosen Nächte und der Grund seiner Selbstzufriedenheit solange genießen, wie es nur möglich war.

Er versuchte immer wieder die Angst, die ihn manchmal bis an die Grenzen brachte, zu unterdrücken.

 

Im Moment war Remus Lupin einfach so zufrieden und wollte auch kaum etwas daran ändern.