Ich wollte nicht heulen, aber doch stieg das Wasser in meine Augen. Ich wollte es nicht. Allerdings konnte ich nicht mehr dagegen ankämpfen, als die erste Träne meine Wange hinunter kullerte. Ich nahm meine Brille ab und wischte sie weg, in der Hoffnung sie würde die einzige bleiben. Dies war scheinbar eine Wunschvorstellung gewesen, denn gleich darauf flossen noch weitere und ich stand auf um hinaus zu gehen. Ich wollte nicht, dass mich jeder heulen sah. Der Gemeinschaftsraum war immerhin gefüllt wie eh und je. 

Schnellen Schrittes marschierte ich durch das Schloss und kam schließlich beim großen Eingangstor an. Rasch öffnete ich das massive Holztor und schlich mich aus der Schule. 

So schnell mich meine Beine trugen rannte ich in Richtung des schwarzen Sees. Meine Lungen brannten bereits, als ich mich auf meine Knie fallen ließ und sich bestimmt hundert Steine in selbige bohrten. Aber mir war es egal. Ich fing bitterlich an zu schluchzen. Ich konnte es nicht mehr aufhalten. 

Mein Herz wurde ein weiteres Mal in tausend Teile gebrochen, und ich konnte regelrecht fühlen wie es schmerzte. Es tat so unendlich weh. Und ich wollte, dass es endlich aufhörte. „Tori?“ Es war schon dunkel, und somit konnte ich die Person nicht erkennen, die meinen Namen gesprochen hatte, allerdings kannte ich diese Stimme nur zu gut. „Was machst du hier draußen? Komm her“, sagte er, setzte sich neben mich und nahm mich in den Arm, worauf ich noch heftiger schluchzte. „Es tut weh, Tori, ich weiß. Aber vergiss nie, dass du Menschen hast, die immer zu dir halten werden. Dass es Menschen gibt, die dich immer lieben und unterstützen werden. Du brauchst Black nicht. Er hat ein so hübshces, kluges und liebenswürdiges Mädchen wie dich nicht verdient.“ 

Sanft wiegte er mich hin und her. Dann begann er zu singen.

»Abendstern oh, Abendstern, 
Erster Stern in dunkler Nacht.
Hoch am Himmel bist’ so fern,
Der du über alles wachst.

Dem du allem Lichte gibst, 
Strahlest hell am Firmament.
Und der Mensch dich dafür liebt,
Jeder deinen Namen kennt.

Wirst auch Morgenstern genannt,
Römer nannten dich Venus.
Trägst ein silbernes Gewand, 
Oft gepriesen war dein Kuss.

Homer auch hat von dir erzählt, 
Denn Paris hatte dich gewählt.
Die schöne Helena er raubte, 
Weil er deinem Versprechen glaubte.

Einen Krieg man brach vom Zaun,
Heut erscheint es wie ein Traum.
Dass Troja nur deswegen starb,
Weil Paris um Helena warb.

Auf des Sonnengottes leuchtend Wagen, 
Ward dein Bild in den Himmel getragen.
Und dein strahlend, silbern Glanz, 
Erhellt nun den Himmel ganz.«

Dieses Lied hatte mir meine Großmutter früher immer vorgesungen. Und er wusste genau, dass es mich mehr als alles andere beruhigte. 

Die Tränen waren versiegt, allerdings war ich von dem vielen Weinen unsäglich müde geworden. Tony half mir beim Aufstehen und wir gingen zusammen wieder ins Schloss. 

„Danke, Tony. Dass du da warst.“ Ich sah zu ihm hinauf. Ein Lächeln zeichnete sich auf seinem Gesicht ab. „Ich werde immer für dich da sein, Tori. Immer.“ Er nahm mich in den Arm und ich fühlte mich so geborgen wie schon lange nicht mehr. 

Der Gemeinschaftsraum war wie ausgestorben, als wir ihn betraten. Einzig und allein Jo saß vor dem Kamin mit einem Buch. Als sie uns hörte, blickte sie au, legte ihre Lektüre beiseite und sah mich besorgt an. Ich setzte mich neben sie. „Geht es dir gut, Tori? Ich habe mir schon Sorgen um dich gemacht.“ Ich nickte schwach. „Ja. Aber ich habe einen Entschluss gefasst...“ Sowohl Tony als auch Joana sahen mich fragend an. „Ich werde ihn nun endgültig abhaken. Er hat mich nicht verdient“, sagte ich und Jo lächelte mich stolz an. „Merlin sei Dank!“ Lachend umarmte sie mich. 

Ein Sonnenstrahl kitzelte meine Nase und ich öffnete meine Augen. Die anderen schliefen noch tief und fest. Ein Blick zu meinem Wecker verriet mir, dass es erst halb acht war. Trotzdem beschloss ich aufzustehen. So befreit und selig hatte ich schon lange nicht mehr geschlafen. Ich hatte sogar etwas geträumt. Leider konnte ich mich nur noch schemenhaft daran erinnern. 

Im Bad putzte ich mir die Zähne und wusch mir das Gesicht. Ich bürstete meine Haare durch und band sie zu einem Dutt zusammen. Im Zimmer nahm ich leise, damit die anderen nicht wach wurden, meine Klamotten und zog mich im Badezimmer an. Dann schnappte ich mir noch mein Buch und meine Brille und verließ den Schlafsaal. 

Im Gemeinschaftsraum der Gryffindors war noch niemand zu sehen. Mir sollte es recht sein, dachte ich und machte mich auf den Weg zum Portätloch. Gemütlich schlenderte ich in Richtung große Halle. Wenn ich schon einmal so früh munter war, konnte ich auch gleich frühstücken gehen. Einige Ravenclaws saßen schon an ihrem Haustisch. Von den Gryffindors war noch niemand hier. Es war auch nicht üblich, dass eine Gryffindor bereits um viertel vor acht in der Großen Halle war, und das an einem freien Tag. 

Obwohl es mitten unter der Woche war, hatte Dumbledore diesen Tag freigegeben, da die Lehrer an einem Seminar teilnehmen mussten und niemand den Unterricht halten konnte. 

Ich schlug mein Buch auf. „Kräfte Ihres Inneren, von denen Sie nie wussten, und was Sie damit anfangen“. Nebenbei aß ich mein Müsli und trank ein Glas Wasser. Ich schreckte auf, als mir jemand an die Schulter tupfte. Es war ein Ravenclaw und ich kannte nur seinen Nachnamen. McGowan. Er grinste mich an und setzte sich neben mich. „Ich bin Luca.“ „Hi“, grinste auch ich, es war irgendwie ansteckend. „Tori.“ „Ich wollte dich fragen, ob du nicht mal mit mir ausgehen würdest?“ Charmant lächelte er mich an. Wer konnte da noch widerstehen? „Klar. Gerne. Und wann?“ „Naja, übernächste Woche ist Hogsmeade Wochenende, ich dachte da könnten wir hingehen.“ Ich nickte. „Alles klar.“ Grinsend stand er wieder auf und meinte: „Bis dann, Tori.“ „Chau, Luca!“ 

Noch immer grinsend aß ich mein Frühstück zu Ende. Es war doch einfacher als gedacht, Sirius zu vergessen. Vielleicht könnte aus Luca und mir ja sogar etwas werden..., dachte ich, als ich aufstand um zu den Gewächshäusern zu gehen. 

„Guten Morgen, Madam Sprout! Ich dachte, ich schau mal hier her!“ Ich lächelte meine Lehrerin an, die gerade dabei war Flussgras zu bündeln. „Oh, Victoria. Du kommst gerade recht. Ich muss gleich los zu dem Lehrerseminar und du könntest hier klar Schiff machen. Das übliche eben: gießen, alte verdörrte Blätter wegzupfen und und und. Natürlich nur, wenn du Lust hast!“ Ich grinste und nickte. Sofort machte ich mich an die Arbeit und Professor Sprout verließ das Gewächshaus.

Hier hatte ich meine Ruhe. Ich konnte es noch immer nicht fassen, dass Luca McGowan mit mir ausgehen wollte. Ich meine, ich kannte ihn zwar nicht besonders gut, immerhin wusste ich bis vor einer halben Stunde noch nicht einmal seinen Vornamen, aber ich musste schon zugeben, dass er mir gefiel. Er hatte dunkelbraune Haare, die ihm lässig ins Gesicht fielen. Braune Augen und ein wahnsinnig süßes Lächeln. Ich freute mich wirklich schon auf unser Date und war gespannt, was daraus werden würde. 


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Das Gedicht von oben heißt Abendstern - Die Göttin der Liebe von Auma