Die anderen saßen alle beim traditionellen Osterbrunch. Ich konnte diesmal wirklich darauf verzichten. Erstens hatte ich keine Lust mir die dämliche Visage von der Pears anzusehen und zweitens wollte ich alleine sein. Tony konnte nicht kommen, da er von seinen Großeltern eingeladen worden ist und das verstand ich auch vollkommen. Immerhin hatten sie ihren Enkelsohn lange nicht gesehen und waren auch froh, dass er aus dem Koma erwacht war. Wenn auch er nicht bald aufgewacht wäre, ich wüsste nicht, was passiert wäre. Jo hatte es wirklich erwischt, aber es war keine gewöhnliche Teenagerschwärmerei. Ich denke, dass es wirklich Liebe war. Die Art wie sie ihn immer ansah, wie sie mit ihm sprach, wie glücklich sie aussah, wenn sie an ihn dachte und ich wusste genau, dass es er war, der unaufhörlich durch ihre Gedanken spazierte. 

Die Sonne schien auf den trockenen Boden des Feldweges. Die Hände in meinen Hosentaschen versenkend, schlenderte ich den Weg entlang. Ich hoffte so sehr, dass alles bald wieder in Ordnung sein würde. Was genau ich damit meinte, da war ich mir selbst nicht sicher. Manchmal verstand ich meine Gedanken selbst nicht. Nach den Ferien würden die ZAGs beginnen und ich musste endlich mal mit dem Lernen anfangen. Immerhin wollte ich nicht durchfallen. 

Auch die letzten Tage der Ferien vergingen recht zügig und bald mussten wir wieder unsere Sachen packen, damit wir mit den Hogwarts Express in die Schule fuhren. Ich verstand wirklich nicht, warum sie nicht einfach das Flohnetzwerk öffnen konnten, damit die Schüler ins Schloss kamen. Das wäre doch viel einfacher und zeitsparender... Jo und ich hatten ein eigenes Abteil. Während der Fahrt klebte ich die Fotos von Gazira Hamra in mein Fotoalbum und sah sie mir auch an. Es hatte gut getan meine und Jo’s Urgroßeltern mal wieder zu sehen und ehrlich gesagt, dieser Festabend alla Tausend und eine Nacht hatte mir auch gefallen. Es gab so schöne Fotos von meiner besten Freundin und mir. Ich musste wirklich zugeben, dass uns diese orientaltischen Gewänder standen. 

Im Schloss angekommen hatte ich keine Lust mehr auf Abendessen, was Jo und auch die anderen mit gerunzelter Stirn zur Geltung nahmen. Normalerweise war ja ich immer die erste, die das Buffet stürmte. Ich hatte aber wirklich keinen Hunger und wollte mich auch nicht mit den anderen rumschlagen. Ich ließ mir erstmal ein schön heißes Bad ein und gab das neue Wundermittel von Lalla Masaat hinzu. Meine Urgroßmutter meinte, dass ich es mal wieder nötig hätte zu der alten Kräuterhexe aus Marokko zu gehen. Sie hatte mich untersucht und festgestellt, dass ich gerade eine schwierige Phase des Bint Maat Daseins durchmachte. Sie meinte, dass man das mit der Pubertät vergleichen konnte, nur, dass es in dem Fall eine etwas intensivere Variante des Erwachsenseins war. Nun hatte ich einen ganzen Koffer voll mit Kräutern und Mixturen für alle Fälle. 

Im Badezimmer roch es angenehm nach Jasmin und ich stieg in die Wanne. Morgen hatten wir noch frei und ich hatte vor den Tag in der Bibliothek zu verbringen. Ich wollte für Kräuterkunde lernen und musste außerdem noch einen etwas längeren Aufsatz für dieses Fach schreiben. Am Nachmittag hatte sie sich dann mit Tony auf den Ländereien verabredet. Sie mussten immerhin noch viel nachholen. Ich konnte ihm ja noch nicht mal richtig diese Bint Maat Sache erklären...

“Tori?”, hörte ich Jo’s Stimme vor der Badezimmertür rufen. “Ja?”, antwortete ich. “Dachte schon du bist abgehauen”, sagte meine beste Freundin. “Nö, bin immer noch da”, war meine geistreiche Antwort. Ich wollte aber nicht wirklich reden. Einfach nur in der Badewanne liegen und nichts tun, an nichts denken und mit niemandem sprechen...
Wahrscheinlich würde noch viel auf mich zukommen!