„Hi, Mom“, lächelte Tori, als sie ihre Mutter auf dem Bahnsteig des Gleis 9 ¾ erblickte. „Hey, mein Schatz! Na? Wie geht’s dir? Die Zug Reise gut überstanden?“, fragte sie ihre Tochter gleich darauf. „Joa, alles okay“, antwortete das braunhaarige Mädchen seufzend. In Wirklichkeit ging es Tori nicht sehr gut. Sie musste immer daran denken, dass sie doch wieder einmal auf einen Kerl hereingefallen war und es wieder geschafft hatte sich unsterblich in besagten Vollkoffer zu verlieben. Sie war es zwar schon gewohnt, allerdings traf sie dieses Mal die Abweisung besonders hart. Joana versuchte ihre beste Freundin die ganze Zugfahrt über abzulenken, scheiterte allerdings kläglich. Tori starrte dauernd aus dem Fenster. Es regnete schon den ganzen Tag und so war auch das Wetter in London nicht das Beste. Mirabelle Parker zauberte die Koffer der Mädchen kleiner und steckte sie in ihre Handtasche, die sie um die Schulter trug. „Kommt, Mädels. Fahren wir erst mal nach Hause und dann mach ich euch einen heißen Tee mit Orangensaft. Was sagt ihr?“, grinste die Heilerin. Die drei gingen zum Tropfenden Kessel, von wo aus sie dann in das Anwesen der Parker flohten. „Joe und Alena müssen arbeiten. Und dein Dad auch, also sind wir die ganze Zeit allein. Was wollt ihr zwei machen, hm?“, wollte sie gut gelaunt von den besten Freundinnen wissen. Jo ging plaudernd mit Mirabelle in die Küche und Tori setzte sich schlecht gelaunt auf das Sofa im Wohnzimmer.

 

„Was um Himmels Willen ist denn mit Tori los?“, befragte Belle sogleich Joana, als sie die Küche betreten hatten. „Ach sie… sie hat nur einen Streit mit Sirius gehabt“, war Jo’s einfache Antwort darauf. „Na hoffentlich beruhigt sie sich bald wieder, denn immerhin fahrt ihr zwei ja morgen schon wieder nach Marokko.“ „Was?“ „Hat dir das dein Vater nicht erzählt? Eure Urgroßeltern haben euch zu ihnen eingeladen. Über die Osterferien und jetzt fahrt ihr morgen hin.“ „Okay. Ich hab‘ nichts dagegen. Wo sind denn Jake und Hilary?“ „Die dürfen erst am Wochenende kommen. Das ist eben der Unterschied zwischen England und Amerika.“ Jo stutzte. „In Salem bekamen wir doch auch immer früher frei.“ „Na dann eben gibt es einen Unterschied zwischen Alaska und England“, lachte Mirabelle und begann einen Früchtetee zu machen. Tori saß noch immer im Wohnzimmer und grübelte weiterhin über Sirius und ihre Dummheit. Vielleicht sollte sie sich mal einen ordentlichen Typen suchen. Einen mit Intelligenz, der freundlich und nett ist, der kein Weiberheld ist und auch eine Beziehung eingehen kann. Jedoch war sie sich sicher, dass man einen solchen Kerl noch erschaffen müsse. Klar, James war auch nicht gerade ein Engel, aber wenigstens war nicht so ein Idiot wie Sirius. Immerhin konnte sich James für etwas entschuldigen, wenn er Mist gebaut hatte. Dieses Talent fehlte dem jungen Black anscheinend.

 

„Tori. Wusstest du das? Wir zwei fahren morgen nach Marokko!“ Tori begann zum ersten Mal an diesem Tag zu grinsen. „Echt? Mann, das ist klasse. Ich hol mir’n Becher Zitroneneis.“ „Ich hab‘ auch Bananeneis, Orangeneis, Haselnusseis und Heidelbeereis. Ich weiß ja, dass du das alles abgöttisch liebst, meine Süße“, zwinkerte Belle und nahm die Hand ihrer Tochter, nur um selbige mit in die Küche zu ziehen, wo sie Tori einen komplett angefüllten Becher Eis bekam. Wirklich jede Sorte, die ihre Mutter hatte, befand sich in der Schale und Tori begann sogleich mit einem großen Esslöffel das gefrorene Joghurt zu schaufeln. „Ich freu mich auf Gadda*!“, lächelte Tori und aß weiter ihr Eis, das bereits zu schmelzen begann. „Das ist schön. Deine Gadda freut sich auch schon bestimmt auf dich. Aber Sidi* auch!“, schmunzelte Mirabelle und nahm einen Schluck aus ihrer Teetasse. Nach einiger Zeit ging Jo nach Hause um ihre Sachen für Marokko zu packen und auch Tori begab sich auf ihr Zimmer um ihren Kleiderschrank zu durchstöbern. Sie hatte die meisten Sommersachen sowieso zu Hause gelassen, da sie so und so in den Osterferien nach Hause gekommen wäre. So packte Tori eben kurze Hosen, Tank Tops und T-Shirts in ihre Reisetasche. Sie hasste es, wenn sie mit dem riesigen Koffer herumrennen musste. Tori war schon längere Zeit nicht mehr in Marokko gewesen. Sie vermisste die heiße, trockene Luft, die Wüste, der Sternenhimmel bei Nacht, die Menschen und vor allem ihre Verwandten. Dort konnte sie wenigstens abschalten und musste nicht immer nur an Sirius und seine Weibergeschichten denken.

 

Am Abend saßen Tori und Jo vor dem Visionator und sahen sich einen Film aus der Zaubererwelt an. Es war irgendein Piraten Film, den sie sich ansahen. Beide der besten Freundinnen freuten sich schon auf ihren ‚Urlaub‘ in Marokko. „Und wie viele neue Schatullen wirst du dieses Mal wieder mit nach Hause bringen, Ree?“, lachte Jo und nahm sich ein Popcorn aus der Schüssel, die vor den beiden Mädchen stand. „Ree? Wann ist dir denn das eingefallen?“ „Keine Ahnung. Ich hab‘ mir gedacht, ist mal was anderes, nicht?“ Tori zuckte mit den Schultern und griff ebenfalls in die Schüssel mit dem gepufften Mais.

 

Am nächsten Morgen wachte Tori auf, als sie von den Sonnenstrahlen auf ihrer Nase gekitzelt wurde. Gähnend setzte sie sich auf und stellte ihre nackten Füße auf den kalten Dielenboden ihres Zimmers. Sich streckend stand das Mädchen auf und ging hinunter in die Küche. „Morgen“, gähnte sie. „Na, wenn das nicht meine Kleine ist“, grinste John und stand auf, um seine Tochter zu umarmen. Da er noch lange arbeiten musste, hatte Tori ihren Vater am Vortag nicht mehr zu Gesicht bekommen. „Hast du gut geschlafen, mein Schatz?“, lächelte Mirabelle und gab ihrer Tochter einen Kuss auf die Stirn. „Klar. Ihr wisst doch, in meinem eigenen Bett schlafe ich nun mal am allerbesten“, grinste sie und begann ihr Müsli zu essen. „Schade, dass Hilary und Jake erst am Wochenende kommen“, sagte sie dann, als sie bereits beim Toast war. Es war ein wirklich schöner Tag in England, genauergesagt in Star’s Hollow. Die Sonne schien und es war kaum eine Wolke am Himmel zu finden. Tori hatte beinahe ihre große Enttäuschung vergessen, allerdings nur beinahe. Aber sie konnte schon wieder lachen, grinsen und lächeln. Und darüber war das Mädchen auch sehr froh.

 

Nach dem Frühstück kam auch schon Joana mit ihren Eltern zu den Parkers. Alena und Mirabelle würden die beiden Mädchen nach Marokko bringen und zwar mit dem Flohnetzwerk. Beide freuten sich schon tierisch auf ihren Urlaub und das spürte man auch. Die Stimmung war ausgelassen und nicht gedrückt wie am Vortag im Zugabteil der besten Freundinnen. „Bye, Daddy. Bis Samstag“, sagte das dunkelhaarige Mädchen und drückte ihrem Vater einen Kuss auf die Wange. „Hab dich lieb.“ „Ich dich auch.“ Jo verabschiedete sich ebenfalls von ihrem Dad und schon konnte es losgehen. Mirabelle nahm die Tasche von Tori und stellte sich in den Kamin. Sie nahm das Pulver und sagte laut und deutlich: „Gazira Hamra.“ Joana war die nächste, die nach Marokko flohte, danach kam Tori und zum Schluss erst Alena. Bereits als Tori aus dem Kamin des Ortes Gazira Hamra stieg, klatschte ihr die klirrende Hitze ins Gesicht. Genau das hatte sie vermisst. Gazira Hamra war eine Art Festung mitten in der Wüste. Darin gab es einen großen Palast, der in zwei Hälften geteilt war. In der einen Hälfte wohnte die Familie Zahra‘, die Urgroßeltern von Toria, und im anderen Teil lebte die Familie Daliyah, die Urgroßeltern von Joana. Der Kamin des Ortes Gazira Hamra stand am Hauptplatz. Auf diesem Platz gab es einen großen Brunnen, in dem die Statue der Göttin Maat stand, viele Palmen und neben einer dieser Palmen stand eine kleine zierliche Frau. Auf ihren Armen waren blaue, verzweigte Blumen zu sehen. Sie war eine Aswad Faghira. Im Orient gab es keine Hauselfen. Dafür hatten die Zauberer und Hexen eben die Aswad Faghira. Sie sahen aus wie Menschen, benahmen sich auch genauso, allerdings hatten sie von Natur aus blaue Tätowierungen an Armen und Beinen. Außerdem sind sie etwas kleiner und zierlicher als normale Menschen. „A salam alaikum, Malika“, begrüßte Mirabelle die Frau. „A salam alaikum, Lalla Mirabella“, sagte auch Malika. Zu Tori und Joana sagte die Frau: „Marhaba, Lalla Victoria, Lalla Joana.“ Sie verbeugte sich vor den beiden. Sie hatte lange Puffhosen an. Ebenso trug sie ein gewickeltes Oberteil und einen Schleier. In der Zaubererwelt des Orients trugen die Männer Turbane und die Frauen aufwendig verzierte Schleier. Oft waren diese mit antiken Münzen und Perlen geschmückt, der Stoff war oftmals aus feinster Seide. Malika brachte die vier Frauen in den Palast. In der Eingangshalle warteten bereits Djamila und Rabia, die Urgroßmütter der besten Freundinnen. „Gadda!“, schrie Tori und fiel Djamila sofort um den Hals. „A salam alaikum, Toria“, lächelte die alte Frau und drückte ihrer Ur Enkelin einen Kuss auf die Wange. „Wie geht’s dir?“, fragte Djamila mit arabischen Akzent. Die beiden Mädchen sprachen nur wenige Worte arabisch und daher mussten ihre Verwandten Englisch mit ihnen reden. Auch Joana begrüßte ihre Urgroßmutter und bald darauf kamen auch die Uropas dazu. Die beiden Männer waren eher konservativ und waren nicht so für Umarmungen. „A salam alaikum, Sidi“, lächelte Tori und ihr Uropa kam sogar zu ihr und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. Das war eine wirkliche Besonderheit. Normalerweise gab er einem nicht einmal die Hand. Alena und Mirabelle blieben noch einige Zeit lang. Die alten Leute tranken mit den vier Frauen einen Tee, der in Gazira Hamra selbst hergestellt wurde. Die Familie Zahra‘ und die Familie Daliyah hatten etliche Angestellte, die sich um alles kümmerten. Es gab einen Markt, ein Theater und sogar eine kleine Schule in Gazira Hamra. Es war eine reine Zaubererortschaft. Viele Händler kamen hierher um ihre Ware zu verkaufen. Angefangen von Kleidungsverkäufer bis hin zu den Händerln von Fliegenden Teppichen. Natürlich fand Tori letzteres besonders anziehend. Allerdings nützte es ihr nichts, wenn sie sich einen Teppich kaufen würde, denn immerhin war es in England verboten einen solchen zu besitzen. Zwar war es im Orient erlaubt, jedoch kam Tori eher selten nach Marokko.

 

Bei Nacht, wenn die komplette Festung beleuchtet war, war die Ortschaft natürlich noch viel mehr imposanter. Überall waren Kerzen, Lichter und leuchtende Wesen. Tori war wirklich froh wieder in Marokko bei ihrer Gadda und ihrem Sidi zu sein. Sie freute sich schon auf die ganzen Sachen, die sie in der Woche noch machen würden. Die Ausflüge in die Wüste, der Tanzabend mit allen Leuten aus Gazira Hamra und die Abendessen mit den Urgroßeltern. Es würden wirklich schöne Osterferien für Tori werden. Beinahe wie in 1001 Nacht…

 

*Gadda = Arabisch für Oma; Sidi = Opa; A salam alaikum = Hallo, Guten Tag;