„Morgen, Kurze!“
Uäh, wer bei Merlin wollte denn in aller Früh schon etwas von mir?! Ich grunzte und drehte mich auf die andere Seite. Dieser Jemand rüttelte nun an meiner Schulter und am liebsten hätte ich Jemand umgebracht. Das war nun wirklich nicht notwendig. Träge öffnete ich ein Auge um die Uhr meines Weckers lesen zu können.
8:13
Für meinen Geschmack viel zu früh!

„Komm schon, Kleine, steh auf. Wir müssen ins Krankenhaus“, die Stimme gab einfach nicht auf!
Warte.
Krankenhaus…
Da tat sich ja was in meinem Gehirn. Krankenhaus… Krankenhaus… Wieso war ich mir so sicher, dass ich irgendwas mit Krankenhaus vorhatte?

Ach ja! KRANKENHAUS! Jetzt hab ich’s!
Ich stand auf. Zu schnell, denn mir wurde schwarz vor Augen. Düm dü düm dü düm…
Okay, tutti paletti!

„Hey, Daddy, ist Jo schon wach?“, fragte ich ihn, als ich ihn umarmt hatte und ihm ein Guten-Morgen-Bussi auf die Wange gedrückt hatte.
„Ja bin isch“, meinte Jo, die mit ihrer Zahnbürste im Mund im Türrahmen zum Bad stand. „Ich warte derweil unten auf euch“, sagte Dad und verschwand auch schon in Richtung Gemeinschaftsraum.

Einerseits wollte ich mit ins Krankenhaus. Aber andererseits, war der Gedanke daran, wieder mit meinen Taten konfrontiert zu werden, alles andere als angenehm.
„Komm schon, Tori, das wird schon“, munterte mich meine beste Freundin auf. Ich lächelte sie leicht an. Ich konnte das einfach nicht in Worte fassen, wie es in mir in dem Moment vorging. War es Enttäuschung über meine Taten? Oder doch Selbsthass? Vielleicht auch Angst…
Ich wusste es schlicht weg nicht! Und das deprimierte mich.

Schnell waren meine Klamotten aus dem Schrank gefischt und kaum eine Minute später steckte ich auch schon in diesen. Ich schnappte mir noch meine Jacke und meine Tasche und wir gingen zu Dad in den Gemeinschaftsraum. Er lächelte uns an und wir gingen gefolgt von Blicken der anderen neugierigen Schüler aus dem Gryffindor Turm.

„Wie kann ich Ihnen behilflich sein?“, fragte uns die etwas schrullige alte Info Schalter Tante des St. Mungos. „Wir besuchen nur jemanden“, beantwortete mein Dad ihre Frage. Sie nickte bloß und feilte weiter an ihren Fingernägeln, die einen eklig pinken Farbstich hatten.
„Ach ja und wen, wenn ich fragen darf?“
„Anthony DiNozzo“, gab mein Daddy ihr die schlichte Antwort. Schnell schlängelten wir uns durch die Menschenmassen und begaben uns in das erste Obergeschoß.
Verletzungen durch Tierwesen.

Gerade kam einer der Stations Heiler aus dem Zimmer und begrüßte uns.
Er lächelte uns freundlich an und ging dann wieder weiter.
„Sollen wir hier warten?“, fragte mich Jo und legte mir eine Hand auf die Schulter. Langsam nickte ich, schloss die Augen und atmete noch einmal tief durch, bevor ich in das Krankenhaus Zimmer ging.

Alles war weiß und steril gehalten.
Mit einem Wort: Trostlos.
Es hing kein einziges Bild an den Wänden und die leere Blumenvase trug ihr Bestes zu der Stimmung bei. Ich ließ den Blumenstrauß hineingleiten und setzte mich langsam auf den Sessel neben dem Bett.

Wie er in dem Bett lag.
So apathisch.
Sogar in diesen grauen Krankenhaus Klamotten konnte man unschwer erkennen, dass hinter der dunklen Haut eine starke Persönlichkeit lag. Eine Persönlichkeit, die nun schon seit mehr als einem Jahr hier lag und nicht aufwachte.
Langsam, als wollte sie mir sagen ‚das ist alles deine Schuld‘, kullerte eine dicke Träne meine Wange hinunter.
Vorsichtig nahm ich die Hand meines bewusstlosen besten Freundes in die meine.
Wieso? Wieso musste es ihn treffen? Nicht, dass es überhaupt jemand verdient hätte.
„Ich wünschte, du könntest mich hören“, flüsterte ich und drückte die Hand sachte.
„Wenn du wüsstest, was letztes Jahr alles passiert war! Wir sind doch tatsächlich in eine andere Schule gekommen, also Jo und ich. Nach Hogwarts! Kannst‘ dir ja vorstellen. Zwei Hitze besessene, Arizona verliebte Mädchen im verregneten Schottland.-Leise lachte ich.-Aber nicht nur das. Nein, gleich am ersten Tag hatte sich Jo einen Kerl an Land gezogen. Das beste: Sie steht auf ihn, er steht auf sie. Jo tut so, als ob sie ihn noch nie hätte leiden können und er, James, leidet wie ein getretener Hund. Irgendwie tut er mir ja Leid. Aber wenn er sich von Jo beim naja du weißt schon was mit einer anderen erwischen lässt, und das auch noch am Valentinstag… Tja und du wirst es auch kaum glauben. Mein Herz hat noch immer diesen Macho Radar. Ich will echt nicht wissen, warum ich immer in die Kerle verliebt bin, die nie auf mich stehen werden.-Ich lächelte frustriert.-Sein Name ist Sirius. Und der größte Weiberheld, den du dir vorstellen kannst, noch schlimmer als Mark Kernaghan.  Aber wenigstens ist Sirius wirklich total nett. Und weißt du was er mir an Silvester erzählt hat? Ich sei der beste weibliche Kumpel, den Mann haben kann!“ Kehlig lachte ich auf und betrachtete Tony.
Seit unserer ersten Zeit in Salem (Er war ja im Jungenteil. Der lag auf der anderen Seite der Schlucht, durch die die beiden Institute getrennt waren.) waren wir sehr gut befreundet gewesen. Die ersten ein, zwei Jahre hatte ich mich nicht immer unter Kontrolle. Also das mit dem Kojoten Zeug. Und da ich schon immer sehr temperamentvoll war, und man mich sehr leicht auf die Palme brachte, rastete ich einmal total unbegründet aus. Ich verletzte Tony so stark, dass er nun seit er 13 war im Koma lag.

Sooft es ging besuchte ich ihn.
Allerdings konnte mir noch nie jemand die Schuld, die ich mir selbst, und ich war mir sicher, wenn die anderen wüssten, durch was er verletzt worden war, dass alle anderen Menschen das auch täten. Professor Gorsemoor hatte den Heilern und Tony’s Eltern damals gesagt, dass ein Re’em ihn angegriffen hätte.  

Es brach mir jedesmal das Herz, wenn ich seine Eltern im Krankenhaus an seinem Betten sitzen sah. Susan’s Augen hatten jeglichen Glanz verloren und sahen nur noch kalt und matt aus. Früher hatte sie immer warme und funkelnde braune Augen gehabt, jedoch war dies alles verschwunden, seitdem ihr Sohn im Koma lag. Die erste Zeit war die schlimmste. Nirgends konnte ich hingehen, ohne, dass ich dachte, dass mich jemand ansah und wusste, was ich getan hatte. Ich lebte in ständiger Panik und nur durch bestimmte Beruhigungs-Rituale wurde es besser. Professor Gorsemoor probierte alles aus. Alles, was es in der Zaubererwelt gab, aber sie fand nichts. Bis sie eines Tages meine Ur-Großeltern in Marokko (sie waren schon sehr lange befreundet) besucht hatte und dort von einer Hexe namens Adiba Masaat gehört hatte. Die Schulleiterin wollte die Frau natürlich sofort sehen und mein Ur-Opa brachte sie zu ihr. Von Lalla* Masaat bekam sie seltene marokkanische Kräuter, die ich wie Räucherstäbchen benutzen sollte. Es funktionierte sogar. Anscheinend musste Professor Gorsemoor der Hexe erzählt haben, dass ich eine Seelenwanderin war, denn sie gab mir einen Brief mit, den ich mir von Mom übersetzen hab‘ lassen. Darin stand, dass diese Kräuter sehr oft bei jungen Kojoten-Mädchen eingesetzt wurden und sie auch bei mir ihre Wirkung nicht verfehlen würden.

„Er sieht so friedlich aus, hm?“ Ich schreckte aus meinen Gedanken, als ich eine tiefe Stimme hinter mir vernahm.
„Mister DiNozzo! Ich hab‘ Sie gar nicht bemerkt!“ Der dunkelhäutige Mann lächelte mich nur an und legte mir dann eine Hand auf die Schulter.
„Wie geht es dir, Liebes?“, wollte er von mir wissen. „Professor Gorsemoor hat mich und Joana nach Hogwarts geschickt, da sie das Schulkonzept auf Salem ändert. Ansonsten geht es mir gut“, antwortete ich. Mister DiNozzo nickte und zog sich einen Stuhl an das Bett heran. „Das ist gut, das ist gut.“ Er klang furchtbar müde und ausgelaugt. Für seine Mitte 40 sah er überdurchschnittlich alt aus. „Ich hab‘ die Hoffnung noch nicht aufgegeben“, sagte ich nach einiger Zeit des Schweigens und sah entschlossen in Tony’s Gesicht. „Ich auch nicht. Aber Susan… Sie nimmt von Tag zu Tag ab und spricht kaum noch. Ich mache mir wirklich Sorgen um sie.“
„Das kann ich mir vorstellen. Aber sagen sie ihr: Tony will mit Sicherheit nicht, dass sich seine Mutter dermaßen fertig macht, und das auch noch wegen ihm.“
„Danke, Victoria. Ich werde es ihr sagen“, lächelte mich Mister DiNozzo an und nahm Tony’s Hand in die seine. Er war wirklich so ziemlich der einzige, der mich Victoria nennen durfte. Merlin weiß wieso… Ich verstand ja nicht mal meine eigene Logik!

Noch länger blieben wir neben dem Bett sitzen und hingen unseren Gedanken nach.

*weibliche arabische Anrede